Das innere Bild von Wissen und Wollen

ÜBER DIE MOTIVATION DURCH VISUALISIERUNGEN

Lesedauer: 5 min.

Ein paradoxes Prinzip: Wie fühlt es sich an, ein Ziel erreicht zu haben, das wir noch nicht erreicht haben? Das Streben nach einem Zielzustand ist geprägt von Eifer, Fleiß, Antrieb, genügend davon, bis erreicht wurde, was erreicht werden wollte. Erst dann, so würde man meinen, können wir wissen, wie es sich anfühlt, das Ziel erreicht zu haben. Nun stellt eine Praxis dieses lineare Prinzip in Frage. Eine Praxis, die in rezenten Jahren zunehmend hat Anklang finden können.

Das Grundprinzip der Visualisierungspraxis besteht, wie der Name bereits suggeriert, darin, visuelle Konzepte zu nutzen, um einen Zielzustand zu definieren. Der Zielzustand ist, je nach individueller Persönlichkeit und Lebensphase, unterschiedlich umfassend, realistisch und auch unterschiedlich relevant für die Person. So kann es sich um ein lebensbedeutsames, langfristig verfolgtes Ziel handeln, wie ein eigenes Haus und die Zwei-Kind-Familie mit großem Garten, oder ein kleinschrittigeres, womöglich kurzfristiger angestrebtes Ziel, wie das Erreichen einer guten Klausurnote oder der Beförderung. Wie diese Beispiele nahelegen, handelt es sich bei der Visualisierung um eine Methode, derer sich eine Vielzahl von Menschen im Alltag bedienen, ohne sich dessen bewusst zu sein, dass sie es tun, geschweige denn der Auswirkungen, die sie auf ihr Verhalten hat.

„Die Bilder sehen wir vor unserem inneren Auge. Ebenso wie tatsächliche Wahrnehmungen in der Realität lösen die vorgestellten Bilder Gefühle und Körperreaktionen in uns aus.“ Dieser Zusammenhang von Realität und Vorstellung, wie ihn Dr. Doris Wolf, Psychotherapeutin und Psychologin aus Mannheim, postuliert, findet seine Anwendung in verschiedenen Bereichen der Lebensintervention, wie auch in der alltagsnahen, nicht-therapeutischen Praxis. Gäbe es diesen Zusammenhang nicht, hätte sich unter Gewissheit niemals jemand in einem 3D-Kino vor der Leinwand erschreckt, als das Auto mit den Lieblingsfilmstars plötzlich geradlinig auf einen zugerast kam: Die Verarbeitung der bildlichen Eindrücke, wie sie unser visueller Cortex verantwortet, ist nicht darauf ausgelegt, zu unterscheiden, ob das Bild, das wir sehen, real ist oder nicht. Wie bei anderen Verarbeitungsprozessen, die unser Gehirn zu verantworten hat, ist ihm viel daran gelegen, auch die Bildverarbeitung möglichst effizient zu gestalten. Der Lichtreiz durchläuft eine Vielzahl von Anlaufstellen, bevor das Signal seinen Zielort im Hirn überhaupt erreicht – wie die Retina und die Sehbahnkreuzung – und so wird schlussendlich ein Schuh draus (und auch andere Objekte).

Da die Körperreaktion und die mit Bildern assoziierten Gefühle, also die Empfindungen, die sich aus den Informationen anderer beteiligter Hirnareale ergeben, nicht strikt davon abhängig sind, ob das entstandene Bild real ist oder nicht, erscheint die Möglichkeit greifbarer, sich Vorstellungen und innere Bilder zunutze zu machen, um Empfindungen und Körperreaktionen bewusst auszulösen. Ebenso bekannt wie die Schrecksekunde im 3D-Kino ist die Vorstellung, die uns durch die eintönige Arbeitsschicht trägt, uns am Abend mit etwas zu belohnen, wie einem guten Abendessen oder einem Glas Wein mit Blick auf den Sonnenuntergang. Dieses Bild ist in der Lage, uns in eine alternative Gefühlslage zu versetzen, da es, mit Ausnahme der Retina, dieselben Verschaltungszentren durchläuft wie ein von außen wahrgenommenes Bild.

Stellen wir uns ein Bild vor, das unseren Zielzustand mehr oder minder präzise beschreibt, verstärkt sich die positive Empfindung, die wir mit diesem Ziel in Verbindung bringen. Somit kann gesagt werden, dass der Zielzustand, oder dessen Erreichen, einen gewissen Anreiz für uns darstellt. John William Atkinson (verstorben 2003), amerikanischer Psychologe und Verhaltensforscher, beschrieb diesen Anreiz als ein entscheidendes Merkmal für die Motivation, eine Aufgabe in Angriff zu nehmen. Ihm und seinem Modell der Risikowahl zufolge sind Anreiz und die subjektiv empfundene Wahrscheinlichkeit, Erfolg zu haben, die beiden Situationsaspekte, die Handlungsmotivation beeinflussen. Dazu bringt der Handelnde, also ein jeder von uns, der ein Ziel verfolgt, zwei Motive mit sich, die Hoffnung auf Erfolg sowie die Furcht vor Misserfolg, die zu besitzen jeder wohl oder übel zugeben muss. Aus den Situationsmerkmalen und den Personenmerkmalen, also unseren Motiven, ergibt sich die Tendenz, unser Ziel zu verfolgen. Wie mit hoher Wahrscheinlichkeit ein jeder für sich bestätigen kann, ist der Anreiz desto größer, je konkreter das Bild ist, das wir von dem Zielzustand haben. Das kann, dem Risikowahl-Modell zufolge, einen entscheidenden Unterschied für unsere Motivation ausmachen: Je konkreter das Bild, desto stärker der Anreiz. Je stärker der Anreiz, desto größer die Handlungsmotivation. Je größer die Handlungsmotivation…wir kommen der Sache näher.

Über Bilder sind wir also in der Lage, unsere Motivation zu regulieren und Antrieb zu finden. Ergänzend zu schriftlichen Notizen oder Whiteboards, können wir unsere Ziele malen – gedanklich oder auch mit Stift und Papier. Diese Technik kann von unschätzbarem Nutzen sein, für unsere Motivation und die Sicherheit, die wir bezüglich unserer Ziele haben.

Literatur

Wolf, Doris (2019): <https://www.palverlag.de/lebenshilfe-abc/visualisierung-imagination.html&gt;. 13.04.19, 12.10 Uhr.

Schneider, M. (2019). Risikowahl-Modell. In M. A. Wirtz (Hrsg.), Dorsch – Lexikon der Psychologie.

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