Menschen, rechtfertigt euch!

Sehr kurz über Wissen und Jörg Kachelmann

Lesedauer: 5 min

Vor kurzem schaute ich eine Panorama Doku über den bekannten und in Verruf geratenen Meteorologen Jörg Kachelmann. Im Hinterkopf hatte ich noch, dass er wohl freigesprochen wurde, da aber irgendetwas nicht ganz sauber war, so kam es auch aus meinem sozialen Umfeld. Ich unterlag einem Trugschluss, einem, den viel zu viele Deutsche noch glauben und der durch die Medien hervorgerufen wurde. Jörg Kachelmann ist unschuldig, er wurde freigesprochen, gleich dreimal, unabhängig voneinander. Abgesehen davon, dass Unschuld mit dem Beginn eines Freispruches beginnt, kam die wage falsche Erinnerung durch die Berichterstattung seiner Zeit zustande. Damals nämlich, um 2010 bis 2012 (und auch heute) wurde er in den Medien, bevorzugt von der Boulevard-Presse zerrissen – sein Ruf vollständig zerstört. Dies hat ihm sichtlich stark zugesetzt und ich kam nicht umhin Mitleid mit einem Mann zu empfinden, der trotz seiner Unschuld als Vergewaltiger bezeichnet wird. Doch was können wir aus diesem Beispiel eventuell lernen?

Wir müssen uns fragen, was Wissen ist. Denn im Fall Kachelmann dachte ich, dass ich wissen würde, was die Wahrheit ist. Auch wenn Platons alte Definition von Wissen mittlerweile in die Jahre gekommen ist und kaum noch wissenschaftlich verwendet wird – hat etwa Gettier eindrucksvoll ihre Unvollständigkeit nachweisen können, soll sie uns heute durch diesen Essay führen. Wissen sei nach ihm „wahre, gerechtfertigte Meinung“. Über Wahrheit lässt sich nun sehr viel streiten. Wir Philosophen tun dies gerne und lange. Ich möchte hier deswegen keine Diskussion über den Begriff der Wahrheit führen, ob es Wahrheit gibt, wie wir sie erkennen können usw. (und auch über Wissen gibt es noch weit mehr zu sagen). Schon Kant und später Hegel bemerkten, dass wir uns nicht nur mit analytischen Aussagen (z.B. Bachelors sind unverheiratete Männer) beschäftigen können. Vielleicht können wir uns hier deswegen auf eine absolute Minimaldefinition aus der Logik einigen, etwas ist wahr, wenn es tatsächlich der Fall ist. Das heißt, die Aussage, ‚es regnet‘, ist genau dann wahr, wenn es auch wirklich regnet. Dieses Beispiel ist nicht nur bekannt, sondern auch elegant, denn es zeigt, dass dies nicht immer gilt, man es empirisch nachprüfen kann und dass so Aussagen stets wieder überprüft werden müssen.

Und genau darum geht es mir im eigentlichen Sinne – um die Rechtfertigung des Wissens. Denn wann ist man gerechtfertigt zu meinen, dass etwas wahr ist, sodass es zu Wissen werden kann? Jedenfalls nicht, wenn alle Informationen aus dem sozialen Umkreis und aus der Boulevard-Presse bezogen worden sind. Deswegen rufe ich auf: „Menschen, rechtfertigt euch!“. Welches ‚Wissen‘, dass man einfach irgendwo einmal aufgeschnappt hat, ist wohl noch unwahr? In Zeiten von Klimaleugnern wird uns gezeigt, wie faktenresistent emotional verankertes ‚Wissen‘ sein kann (dazu bald mehr). Noch einmal fordere ich auch Dich auf, von nun an Deine Meinungen stärker zu rechtfertigen. Das Internet bietet so viele Möglichkeiten sich zu informieren, seinen Horizont zu erweitern, neue Perspektiven und empirische Belege zu erhalten. Nur, wenn wir auch einmal zugeben können, dass unsere Meinung eben weder wahr, noch gerechtfertigt ist und dass wir eben deswegen kein Wissen in einer Situation hatten, nur, wenn wir aufhören in solchen Fällen von Stolz oder so etwas Banalem zu reden, können wir richtig und angemessen miteinander als Gesellschaft vor zukünftige Probleme treten. Es mag anfangs vielleicht viel Überwindung kosten, doch auch das simple Beispiel von oben zeigt, dass ungerechtfertigtes und nicht überprüftes ‚Wissen‘ Schaden anrichten kann. Vor lauter Emotionalität gegenüber dem eigenen ‚Wissen‘ dürfen wir nicht zurückschrecken auch einmal einen Fehler zuzugeben oder sich selbst stets neu herauszufordern. Gedanken kommen sekündlich und gehen meist genauso schnell wieder, doch dies sollte keine Ausrede sein, sich auch diesen differenziert zu stellen. Das alles können wir nur verstehen, wenn wir Wahrheit im Großen und Ganzen nicht als einen Zustand, sondern viel eher als ein leicht angreifbares Moment sehen, das stets der Rechtfertigung bedarf.

Literatur:

Kant, Immanuel (2003): Kritik der reinen Vernunft. Kritik praktischen Vernunft. Kritik der Urteilskraft. Wiesbaden: Fourier.

Panorama (2017): https://www.youtube.com/watch?v=n_emAF4cr6s, zuletzt abgerufen: 23.07.2019.

Platon (1981): Theätet. Stuttgart Reclam.

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